Gestern morgen bin ich mit einem Kokon aufgewacht.
Der Begriff waberte in mein Bewusstsein, wie ein Nachhall aus einem Traum. Ich konnte mich aber an nichts erinnern. Während ich langsam wach wurde, begann mein Kopf diesen Begriff hin und her zu wenden.
Was genau ist eigentlich ein Kokon? Hat das was mit Verpuppung zu tun? Befinde ich mich gerade in einem Kokon?
Ich bekam Lust, diesen Kokon zeichnerisch zu erkunden und nahm mir vor, später eine NeuroGraphik dazu zu machen.
In diesem Artikel nehme ich dich Schritt für Schritt mit in meinen zeichnerischen Erkundungsprozess – und du erfährst, was ich in meinem Kokon entdecken durfte.
Bevor ich mit dem Zeichnen beginne, nehme ich erstmal meine Gedanken zu dem Begriff Kokon wahr:
Was ist ein Kokon? Eine Schutzhülle. Vor was schütze ich mich?
Dann versuche ich mich auf das „Kokon-Gefühl“ zu konzentrieren … Ich nehme einen dichten, zähen Nebel im Kopf wahr und versuche, diesen als Form auf das Papier zu bringen.

„Spiegelei“ ist meine erste Assoziation. Am liebsten würde ich drumherum alles schwarz machen. Dunkel.
Ich beginne meinen Kokon zu neurographieren und frage: „Was möchte mein Kokon mir zeigen?“
Gedanken tauchen auf: „Weglaufen wollen und nicht können.“
Mir ist mulmig im Bauch und ich fühle mich tief bewegt.
Intuitiv entstehen ein paar ausgewählte Verbindungen nach außen. Es sind nur wenige. Dann habe ich den Impuls, die Hülle zu verstärken. Dabei wird mir bewusst, dass es eine teildurchlässige Membran ist. Mir wird klar, dass ich mir meine Verbindungen und Kontakte und das, was ich in mich hinein lasse, bewusst aussuchen kann - und auch sollte. Und mein Kokon hilft mir dabei. Ich empfinde Dankbarkeit.

Ich bekomme einen heißen Kopf.
Beim Griff nach den Buntstiften fallen alle aus der Packung auf den Boden. „Du Dämlack!“ tönt es in meinem Kopf. Wer spricht da? Ich wusste gar nicht, dass dieser Begriff zu meinem Wortschatz gehört.
Kopfschüttelnd sammele ich die Stifte auf und beginne die Zeichnung zu kolorieren. Mit den Farben tauche ich in die Tiefe und Gedankenfetzen schwimmen vorbei wie kleine, flinke Fische.
Grau … blau … „das Wasser wäscht Schmerz weg“ … gelb … „jetzt kann eine Lichtgestalt auftauchen“ … orange … „Keimzelle … Nabelschnur … Mutterkuchen …“

Irgendwann tauche ich langsam wieder aus den Farben auf und beginne über die Fixierung nachzudenken. (Fixierung in der NeuroGraphik bedeutet, dass ich das verstärke, betone, hervorhebe, was für mich das Wichtigste in der Zeichnung ist.)
„Ich weiß nicht, was ich fixieren soll."
Ich fühle mich gestresst, habe Angst. Ist das ein Hinweis, dass es noch zu früh für eine Fixierung ist?
Ich wende mich der Fixierungs-Angst zu und frage sie, was sie befürchtet. „Ich werde geschlagen.“
Ich empfinde Mitgefühl mit der Angst, lasse mein Mitgefühl zu ihr fließen. Ein roter Schmetterling taucht auf. „Schmerz, Wunde." Der Schmerz fliegt davon.

Plötzlich sehe ich eine fröhlich tanzende Gruppe von Kindern. Und mir ist sofort klar, dass ich sie neurographisch fixieren möchte. Ich gebe den Kindern eine Schutzkuppel, in meiner Vorstellung ist sie licht- und luftdurchlässig.

Zum Abschluss des Zeichnens fühle ich mich leicht, beschwingt, neugierig.
Das Grau ist weg.
Beim Zeichnen habe ich erfahren, dass mein Kokon ein Schutz ist, aber keine starre Hülle, sondern etwas Durchlässiges. Und mir wurde die Wichtigkeit dieses Schutzes bewusst und auch, dass es in meiner Verantwortlichkeit liegt, wie ich diesen Schutz gestalte.
Dadurch, dass ich mich meinem Kokon zugewandt habe, ihm neugierig und offen begegnet bin, durfte ich sehen, was er in sich trägt: innere Anteile, die Schutz brauchen und die gesehen werden wollen mit ihrem Schmerz.
Das Grau hat sich gelichtet. Nicht weil ich es weggemacht hätte – sondern weil ich es angeschaut habe. Mit Neugier statt Widerstand, mit Mitgefühl statt Kontrolle – da beginnt, glaube ich, die eigentliche Verwandlung.
Vielleicht magst du beim nächsten Zeichnen – oder einfach im Alltag – mal neugierig hinschauen: Welche inneren Anteile melden sich gerade? Und vor allem: Wie begegnest du ihnen?
Was denkst du?